Afghanistan: Neue Einkommensquellen für Frauen in der Provinz

Weben und knüpfen für die Zukunft

Das Ausbildungszentrum ALS/NAZO in Nejrab will eine neue Ausbildungsmöglichkeit für Frauen schaffen.

Nejrab, in der Provinz Kapiza, liegt etwa 120 Kilometer nordöstlich von Kabul. Die ersten 100 Kilometer Straße sind asphaltiert, danach geht es auf Schotterpisten in die Berge. In den fünf Tälern, die zu Nejrab gehören, leben ca. 100.000 Menschen, vorwiegend Tadschiken, die Dari (Persisch) sprechen. Eine Minderheit gehört zu den Pashtunen, die Pashtu sprechen. Das Gebirge ist hoch (bis 4.570 Meter), die Gegend ist karg, die Bewohner arm.

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Auch auf Messen präsentieren sich die von ALS/NAZO ausgebildeten Teppichknüpferinnen mit ihrem Können. Hier Frau Shukria im Gespräch über Knüpfpläne mit Herrn Zarif vom afghanischen Wirtschaftsministerium.

Die Menschen leben zu rund 30 Prozent von der Viehwirtschaft und zu ca. 20 Prozent von der Landwirtschaft, wobei kleinräumig vor allem Hirse, Mais, Bohnen, Walnüsse, Mandeln und Pinien angebaut werden. Drogenanbau gibt es in Nejrab nicht. Die übrigen 50 Prozent verdienen ein mageres Einkommen als Tagelöhner. Die kleinen Siedlungen von Nejrab liegen oft weit voneinander entfernt, öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht. Das Gebiet steckt noch voller Minen, um deren Beseitigung sich bisher niemand gekümmert hat.

An diesem Ort hat ALS/NAZO ein Ausbildungszentrum aufgebaut, das verschiedene Fortbildungsmöglichkeiten für Frauen bietet. So gibt es ein Schneidereiprojekt und auch schon eine erfolgreiche Ausbildung in der Landwirtschaft mit Schwerpunkt Kuhhaltung. Dieses Ausbildungsprogramm soll nun um einen neuen Berufsausbildungszweig, die Teppichherstellung (Weben und Knüpfen) erweitert werden. Die Ausbildung zur Kelimweberin und Teppichknüpferin soll zwölf Monate dauern. Mindestens 70 Schülerinnen sollen innerhalb der kommenden vier Jahre die Grundausbildung durchlaufen. Sie soll den Schülerinnen die Grundlage bieten, eigenes Geld zu verdienen und so zum Familieneinkommen beizutragen.

Achtung und Anerkennung

Da die Schülerinnen aus sehr armen Verhältnissen stammen, können es sich die Familien zumeist nicht leisten, die Frauen bzw. Mädchen täglich acht Stunden zum Lernen in eine Ausbildung zu schicken. Normalerweise nutzen sie diese Zeit, um im Haus zu arbeiten, zu betteln oder in reicheren Häusern zu putzen. Gerade junge Mädchen und Frauen werden oft als „lästige Esser“ angesehen und deswegen in der Regel sehr früh verheiratet. Wenn sie zu Hause nicht an den Mahlzeiten teilnehmen und für ihre Ausbildung sogar eine Ausbildungsbeihilfe (25 Euro pro Monat) bekommen, gibt es keinen Grund mehr, ihnen die Ausbildung zu verweigern. Später, wenn sie mit Hilfe ihres Berufes selbstständig Geld verdienen, erfahren sie in der Regel Achtung und Anerkennung in der Familie bzw. Gemeinschaft – und „haben dann bei allen Entscheidungen ein Wörtchen mitzureden“ (Zitat einer ehemaligen Auszubildenden von ALS/NAZO).

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Drei Auszubildende studieren Knüpfpläne – auch das gehört zur Ausbildung dazu.

Die fünf besten Schülerinnen jeder zwölfmonatigen Ausbildungsrunde können weiterlernen. Ein echter Anreiz, der sich vor allem an jene Schülerinnen richtet, die sich später selbstständig machen wollen. Es sollen innerhalb der nächsten vier Jahre immer mindestens 20 Schülerinnen auf unterschiedlichem Niveau gleichzeitig in der Teppichwerkstatt arbeiten. So werden innerhalb von vier Jahren nicht nur mindestens 70 Frauen das Weben und Knüpfen gelernt haben, sondern es wird sich auch – legt man die Erfahrungen aus anderen NAZO-Ausbildungszentren zugrunde – eine stabile Gruppe von etwa 15 Frauen gebildet haben. Diese Gruppe wird fähig sein, in einer gemeinsamen Werkstatt zu arbeiten und gewebte bzw. geknüpfte Teppiche in gehobener Qualität als Einzelstücke oder in Kleinserien herzustellen, die sie im In- und Ausland vermarkten können.

Die Idee, nach der Ausbildung Werkstätten zu etablieren, hat sich bei anderen ALS/NAZO-Ausbildungszentren in Kabul und Achmad Schah Baba Mina sowie über je eine Schneiderwerkstatt in Kartenau, Kamari und Nejrab bereits als tragfähig und umsetzbar erwiesen. Werkstattfrauen, die später mehr als 50 Euro im Monat verdienen, beteiligen sich dann mit 10 Prozent ihres Verdienstes an den Unterhaltskosten der Werk- und Ausbildungsstätten. So können in Zukunft Betriebskosten und Löhne bestritten werden, und für das Projekt wächst die Chance, sich nach der Anschubfinanzierung selbst zu tragen.

Aufbau einer Zivilgesellschaft

In den Kursen erfahren die Frauen und Mädchen zudem praktische Lebenshilfe. Die zusätzlichen Beratungsangebote wie Alphabetisierungskurse, kleine Rechtskunde, Frauengesundheit und grundlegende Einnahmen-Ausgaben-Rechnung unterstützen sie dabei, persönliche, wirtschaftliche und soziale Probleme zu lösen. Langfristig beeinflusst die im ALS/NAZO-Zentrum neu zu gewinnende Selbstständigkeit dieser Frauen das gesellschaftliche Leben im Umfeld der Schülerinnen und kann so zum Aufbau einer Zivilgesellschaft in Afghanistan beitragen.

Zur Einrichtung der Kelimweberei und Teppichknüpferei sollen 25 Arbeitstische mit Stühlen, 15 Tischwebstühle sowie 10 Standwebstühle angeschafft werden. Ebenso sind Spulgestelle, Spulräder, Scheerbretter notwendig. Für diese Anschaffungen werden insgesamt 10.500 Euro gebraucht. Für die Verpflegung der ersten 25 Schülerinnen, ihre Ausbildungsbeihilfe und Übungsmaterial werden im ersten Jahr 15.480 Euro benötigt; für das Gehalt des Lehrers und einer Helferin insgesamt 4.800 Euro; für die verschiedenen zusätzlichen Schulungsmaßnahmen 840 Euro. ALS/NAZO bringt an Eigenleistung 5.520 Euro für die Alphabetisierungskurse, den Lohn der Köchin und das Verkaufstraining ein.

531 Euro ermöglichen einer Frau eine komplette Ausbildung.

Dr. Annette Massman

Spendenkonto:

Zukunftsstiftung Entwicklung

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Spendenzweck:

Afghanistan: Neue Einkommensquellen (F 199)

 

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