Zu groß, um nicht zu scheitern

Je größer ein Unternehmen wird, desto kritischer können die Auswirkungen auf andere Wirtschaftsteilnehmer ausfallen. Der auf das Jahr 1914 zurückgehende Glaubenssatz der Systemrelevanz großer Unternehmen, die „zu groß zum Scheitern“ und deshalb als „rettenswert“ einzustufen wären, erlangte vor zehn Jahren allgemeine Bekanntheit, als die Finanzkrise staatliche Rettungsaktionen in Milliardenhöhe nach sich zog. Dass dadurch paradoxerweise gerade die mächtigsten Akteure zu schutzbedürftigen Minderheiten umfunktioniert wurden und die freie Marktwirtschaft plötzlich Anzeichen eines totalitären „Bankenrettungssozialismus“ erkennen ließ, ist einer von vielen Gründen, um über systemkompatible Maximalgrößen von Unternehmen nachzudenken.

Betrachtet man die gegenwärtigen Probleme in der Automobilindustrie und bei den Banken, kann man den Eindruck gewinnen, dass ein kritisches Maß, eine neuralgische Grenze überschritten wurde. Viele Unternehmen scheinen einfach zu groß geworden zu sein. Ging man bislang allgemein davon aus, dass sich Unternehmen umso besser am Markt behaupten und die eigenen Werte und Normen gegenüber den Konsumenten durchsetzen können, je globaler ihre Expansion und je stärker ihre Finanzkraft ist, so stellt sich die Größe in der Krise immer deutlicher als Nachteil heraus: Das gesamte globale Unternehmen muss weltweit haften. Und das kann teuer werden.

Außenseiter in den Wissenschaften wie Leopold Kohr, Ivan Illich und E. F. Schumacher haben schon in den 1970er-Jahren in ihrer Wachstumskritik darauf hingewiesen, dass es so etwas wie eine kritische Größe von Institutionen gibt. „Die Vergötterung der Größe, von der ich sprach, ist möglicherweise eine der Ursachen und schließlich eine der Auswirkungen der modernen Technik.“ (1) ‚Small is beautiful‘ war ein Schlagwort, das um die Welt ging. Als das Bankensystem im Jahr 2008 weltweit kollabierte, hatte man diesen Slogan allerdings bereits vergessen. Nun hieß es plötzlich: ‚Too big to fail‘! Man könne die Großen nicht fallen lassen, da sonst alles in Gefahr sei. Der Staat half daraufhin paradoxerweise nicht den Kleinen, sondern den betuchten Giganten.

Als im Jahre 1998 die Großwerft Bremer Vulkan in Konkurs ging, wurde eine Unzahl von Gründen des Scheiterns angeführt, unter anderem Missmanagement und Konkurrenz aus Fernost. An die Frage nach der optimalen Betriebsgröße dachte niemand. Hatte doch der Vulkan in seiner Endphase über 200 Betriebe und Beteiligungen aus allen möglichen Sparten dazugekauft und war so schlicht zu groß und zu heterogen geworden.

Nun ist natürlich alles relativ. Betrachtet man die westlichen Weltkonzerne der Kommunikationswelt wie Amazon, Google, Facebook und Apple mit ihrer imperialen Ausdehnung, so erscheinen die deutschen Konzerne wie kleine Fische einer überkommenen Industriestruktur. Doch auch sie stoßen zusehends an ihre kritische Größe und stehen aufgrund ihrer Monopolstellung und ihrer Steuervermeidungsstrategien in der Kritik. Auch die Informationsüberflutung kann ins Gegenteil umschlagen. Ständige Berieselung kann dazu führen, dass man sich komischerweise immer weniger informiert fühlt. Auf die Kartellbehörden kommen weltweit große Aufgaben zu, wenn sie die Giganten entflechten wollen. Dazu brauchen sie nachvollziehbare Kriterien: optimale Betriebsgrößen für Banken und Automobilbranchen und die Kommunikationsindustrie. In der Landwirtschaft wird die Massentierhaltung seit Jahren kritisiert. Hier sind wir durch die Lebensmittelskandale wachgerüttelt und es wird wieder stärker regional gedacht.

‚Small is possible‘ müsste daher die Devise lauten. Demokratie braucht überschaubare Einheiten. Fehler und Missstände sind bei örtlicher Begrenzung schneller zu lokalisieren und zu beseitigen. „Es ist ja der Geschmack, der uns beim Essen reizt, und nicht die Menge. Geschmack aber, so wie Lebensfreude, Kraft und Tüchtigkeit, wächst nicht mit der Größe.(2)

Helmut Woll

(1) Schumacher, Ernst F.: Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Alternativen für Wirtschaft und Technik, Reinbek 1977, S. 61

(2) Kohr, Leopold: Das Ende der Großen. Zurück zum menschlichen Maß, Salzburg/Wien 2002, S. 233

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 44 27. Oktober 2017