Ein Kunstwerk im Sozialen

Lebensgemeinschaft gestern – heute – morgen

Wenn Sie diese Zeilen lesen, haben Sie vielleicht noch kurz vorher vom Bürgerkrieg in Syrien gehört, von den Flüchtlingen im Mittelmeer oder von den sozialen Verwerfungen in so vielen Ländern der Erde. Ja, wir sind zu Weltbürgern geworden. Wir wissen – oder können zumindest wissen –, was rund um diese wunderbare Erdkugel geschieht, wie Menschen leben, leiden, existieren. Wie kann ich in dieser Zeit der Aufgabe nachkommen, Mensch zu sein, Mensch zu werden?

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Tafelzeichnung

Das sind große Fragen, die mich oft an den Rand des Verzagens bringen können. Und doch: Da ist Sinn, Bedeutung, mit dieser Verantwortung der Freiheit, in die wir als Menschen gestellt sind. Die Freiheit und die Verantwortung für mich, mein Leben und Wirken in der Welt – und auch für das Bild, das ich mir von mir, meiner Umgebung und der Welt, in der ich lebe, mache.

Soziale Räume gestalten

Tag für Tag gestalten die rund 340 Menschen, die sich entschieden haben, die Gemeinschaft Altenschlirf zu bilden, diesen sozialen Raum. Sie bilden dieses Kunstwerk durch die vielen kleinen Gesten, die den Alltag eines jeden Menschen ausmachen und die sich hier zu einem sozialen Gebilde fügen. Beim Aufstehen am Morgen, vielleicht der ersten Begegnung mit einem anderen Menschen, weil ich geweckt werde oder jemanden wecke, bei der morgendlichen Hygiene. Oder bei der Entscheidung am Frühstückstisch: Brauche ich morgens meine Ruhe und frühstücke alleine in meinem Zimmer? Oder bin ich gerne schon im größeren Kreis der anderen Mitbewohner? Diese alltäglichen Ereignisse werden uns oft so wenig bewusst und doch sind sie die Grundlage unseres Seins, die wir erst recht zu schätzen wissen, wenn sie einmal nicht mehr selbstverständlich sind.

So wächst dieses Kunstwerk Tag für Tag, Stunde für Stunde. Es bildet sich beim Weg zur Arbeit, in ein ganz anderes, neues Milieu, beim Beginn der Arbeit, der Besprechung der Aufgaben, die heute auf mich, auf uns zukommen, in der Begegnung mit den Menschen, mit denen ich dabei zusammenarbeite. Es würde zu weit führen, alle diese Elemente hier im Einzelnen aufzuführen – und sie wären nie aktuell! Denn dieses Kunstwerk, das Leben in der Gemeinschaft, entwickelt sich in jedem Moment neu und weiter. Ich kann Sie nur einladen: Besuchen Sie die Gemeinschaft, sprechen Sie mit den Menschen, nehmen Sie wahr, wie dieses Kunstwerk im Sozialen sich bildet.

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Michael Dackweiler (Mitte) ist seit Januar Mitglied im Vorstand der Gemeinschaft Altenschlirf.

Und wie es überall besonders ist, weil überall besondere Menschen sind, ist es auch hier speziell: Es bildet sich zum Ausdruck des Wesens der Gemeinschaft Altenschlirf, in der wunderbaren Landschaft des Vogelsbergkreises, im umliegenden Gelände und in den Gebäuden, die teils historisch, seit Jahren gestaltet und gepflegt werden, um den Menschen der Gemeinschaft zu dienen. Wohnräume, der Wilhelm-Meister-Saal, Landwirtschaft, Gärtnerei und die verschiedenen Werkstätten, besonders natürlich der Park, die alten Bäume, der Springbrunnen, vielleicht eine Bank, die jemand besonders liebt, oder der Teich?

Jeder Mensch ein Lebenskünstler

So ist jeder ein Künstler – ein Lebenskünstler, ein Künstler seines Lebens, der Tag für Tag dem, was sein Leben ist, Gestalt gibt. Das steht im Vordergrund: der einzelne Mensch. Seine individuelle Gestalt. Jeder einzig. Einzigartig. Und dann kommt der andere, meine Begegnung mit ihm. Es entsteht eine soziale Form zwischen Dir und mir. Und zwischen uns beiden und den vielen anderen. Durch alle Höhen und Tiefen, durch Jubel und tiefe Traurigkeit, im Alltag und in seinem Trott ebenso wie in den Hochzeiten des Lebens. So entsteht Wirklichkeit. Wirklichkeit durch die Art, wie wir als Menschen unser Leben gestalten. So sind wir auf dem Weg zu uns selbst, zu dem Menschen, der wir werden wollen. Im Dienste dieses Kunstwerks, dieser vielen einzelnen, miteinander verbundenen und verflochtenen Wege steht die Gemeinschaft. Dafür ist sie da, dem widmet sie sich. In der Gestaltung des Alltags, in Konferenzen und Besprechungen, in den Mitgliederversammlungen, in den Sitzungen des Heimbeirats und der Werkstatträte und in der Gemeinschaftsversammlung.

Dies gilt ganz besonders für den Bereich der Bildung: Nicht nur im Campus am Park, wo Heilerziehungspflegerinnen und -pfleger sowie Helfer im Alltag ausgebildet werden, sondern auch in vielen Bildungsangeboten, in Abendkursen und ebenso in der Gestaltung des Alltags. So höre ich, wenn ich morgens am Kuhstall vorbei zu meiner Arbeit gehe, die Klänge eines Spruchs und eines Liedes: Die Landwirte beginnen den gemeinsamen Arbeitstag. Aber viele haben auch schon vor dem Frühstück ein Gebet oder ein Wort des Dankes formuliert, im Angesicht der reich gedeckten Tafeln.

Fortbildungen nehmen eine wichtige Stellung ein. Ein freier Raum. Man tritt aus seinem Arbeitsalltag und widmet sich einem speziellen Thema, das einen unterstützt, den täglichen Herausforderungen gut gewachsen zu sein. Das kann ein spezielles Anliegen sein, wie zum Beispiel die Hygieneverordnung oder Qualitäten des Putzens und der Sauberkeit, aber auch persönliche Themen wie die innere Haltung, mit der ich in meinem beruflichen Alltag stehe, die Achtsamkeit, mit der ich mit mir und den Menschen um mich herum umgehe.

Austausch über Eigenes und Gemeinsames

Mehrmals im Jahr treffen wir uns mit Kolleginnen und Kollegen von befreundeten Einrichtungen: Den Lebensgemeinschaften Sassen und Richthof sowie jetzt auch vom Münzinghof in der Nähe von Nürnberg. Auch an diesen Orten leben Menschen wie hier in Altenschlirf inklusiv zusammen. Sie gehören zu den vielen Dörfern und Gemeinschaften, die sich im Rahmen der Entwicklung der sozialen Gestaltung und der Arbeit aus dem reichen Fundus der Anthroposophie ergeben haben und die es inzwischen auf allen Kontinenten gibt. Im Austausch mit den Kollegien nehmen wir uns gegenseitig wahr, erleben die Eigenständigkeit, das Besondere der einzelnen Orte und Gemeinschaften vor dem Hintergrund der vielen, grundlegend verbindenden Elemente. Natürlich sprechen wir auch über Zukunftsfragen, über unsere Zusammenarbeit und Vernetzung und über die Positionierung unserer Gemeinschaften in unserem sozialen und auch politischen Umfeld.

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Seminartisch

Lebensgemeinschaft gestern – heute – morgen: Welch ein Reichtum, welche Vielfalt sind seit der Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden, als sich im Rahmen der Camphill-Bewegung die ersten Dorf- und Lebensgemeinschaften gebildet haben. Und wie hat sich dieser Impuls im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung gewandelt und weiterentwickelt! Standen früher soziale Ordnungen, Strukturen, inhaltliche Orientierung der ganzen Gemeinschaft oft an einer bestimmenden Stelle, ist heute vieles auf den einzelnen Menschen ausgerichtet. Im Zusammenklang des Ich mit den anderen, mit der Gemeinschaft, steht die Tatsache, dass jeder selbst der verantwortliche Künstler ist, der seine Handschrift dem Kunstwerk der Gemeinschaft hinzufügt. Die so gewachsenen Impulse wirken. In den Lebensgemeinschaften, bei uns in Altenschlirf, aber auch gesellschaftlich. Sie leben in den Herzen vieler Menschen, zum Beispiel dann, wenn diese in Mehrgenerations-Projekten gemeinsames Leben in neuen sozialen Formen gestalten wollen.

Individuelle Wege entwickeln

Wir gestalten Räume, in denen sich diese Impulse entwickeln können und weiter gepflegt werden. In denen Kompetenzen und Fähigkeiten wachsen, in denen Menschen diesen individuellen Weg entwickeln können. Räume, in denen sie das Besondere gestalten und leben können, das sie hierher, in dieses Erdenleben, zu dieser Zeit geführt hat. Weite Wege haben uns zu dem werden lassen, was wir jetzt sind. So viel Kompetenz, Reichtum, Entwicklung! Da stehen wir jetzt: gehen in die Entwicklung, gestalten unseren Alltag, unser Leben. Und ringen als Einzelne und in der Begegnung nach dem Verständnis und nach der Weisheit, dieses Leben gut und verantwortlich zu führen. Jeder an seiner Stelle. Jeder, so gut er es kann. Jeder Beitrag ist wertvoll. Jeder ein Künstler – ein Künstler in der Gestaltung seines Lebens, ein Lebenskünstler!

Michael Dackweiler

Erschienen in: Altenschlirfer Brief

Nr. 40/19

Fotos: Ulrike Härtel